Nach den Unruhen auf dem Platz der Kulturen hat eine Techno-Völkerwanderung begonnen. Marloff, er wird der "Priester" genannt, hat sofort die Lage erfasst & sich auf multikulturelle Psychiatrie spezialisiert; wird im Institut für Freie Kunst bei einer Hieroglyphen-Seance erwischt (zwingende, freiwillige Hypnose mittels PC, was nur in geschlossenen Systemen funktioniert, in denen die Wahrscheinlichkeit für ein Kleinerwerden der Entropie gleich NULL ist). Beobachter greifen auf alte politische Formeln zurück & vermuten, dass es sich bei diesen Experimenten um anarchistisch gesteuerte Unterwanderung handelt.
"Platz der Kulturen noch immer von Bullen & Armee umstellt...ein paar Klaustrophobier drehen durch, mit Schaum vorm Mund fallen sie der Reihe nach um. Was bei einigen Fällen dazu führt, dass der Tod spontan eintritt..."
In der ersten Phase des Aufbruchs geht es ums Überleben. Am meisten machen den Reiseführern moralische Rückfälle zu schaffen. Findige Köpfe ersinnen deshalb einen Apparat, der die bekannte Sinnesverengung während des Orgasmus verhindern soll. Sein Prinzip basiert auf der Erkenntnis, dass es fehlgeleitete erotische Erregung ist, die bei Moralisten zu Anfällen mit tödlichem Ausgang führt (zum Beispiel Erektion der Lunge, an der sie ersticken).
Max, mein alter ego, macht nach einigen einfachen magischen Übungen erste transsensuelle Erfahrungen. Wie Pfeile, so beschreibt er sie, die auf seinen ZEITKÖRPER gerichtet sind. Schon mal gelebt? ist eine der Fragen, die mich interessieren. Aber ziemlich schnell rutscht er in seinen Berichten in banale sexuelle Phantasien ab. Wie hat die halb-frigide Doppelagentin ausgesehn, die Tag & Nacht mit einer MAZEdose in der Hand ihre Weiblichkeit bewachte? Schliesslich schaffte er es, sie mit einer Ladung Skopolamin zu überrumpeln, worauf ihre Muschi in einem Hinterzimmer der Pension Lilly im Bahnhofsviertel in hohen Tönen zu singen begann...
Marloff arbeitet in dieser Saison mit einer neuen "Methode". Er tritt als Godfather of Trance auf. Gruppensex muss nicht sein, trotzdem fallen notorisch Neugierige auf seine obskuren Versprechungen herein, mit denen er sie in ein konspiratives Therapiezentrum lockt. Purpurblaue & goldbetupfte Frustknaben & Frauen, die von New Age die Nase voll haben & sich von Schwarzen Messen & Tarotparties einen Kick versprechen, hängen dort herum. Um sie in Stimmung zu bringen, hat er Fusel-Lampen aufgestellt, die Wände blau gestrichen, S/M-Utentilien wie Reitgerten & chinesische Kordeln ausgebreitet & speziellen Duftstoff aus Sperma, Patschuli & Pheromonen versprüht. Hinter den dunklen Brillengläsern gleiten seine Augen verzückt über die Körper der Anwesenden. "Kommen wir zum Geschäft", sagt er kühl. Manche nehmen ihm übel, dass er für seine Sitzungen "Unkostenbeiträge" kassiert & verschwinden indigniert. Er mischt ein betäubendes Getränk & schluckt es als erster, um die Zweifler zu beruhigen. Anschliessend beginnt, was er als Vorbereitung für "Körperwanderungen" bezeichnet. "Öffnen wir die Tür zum Raum & überlassen uns dem Wind der Zeit." Das Eis ist gebrochen & der orientalische Budenzauber nimmt seinen Lauf.
SCHNÜFFLERSCHLEPPER & RAUSCHGIFTHUNDE, DIE ALS KILLER-COPS AUSGEBILDET SIND, DURCHSTREIFEN DAS VIERTEL. KUGEL-BLITZE ZERREISSEN DIE NACHT. EINE VENUSISCHE REPLIKANTIN, DIE ALS PORNOQUEEN AUFTRITT, LÄSST SICH FÜR SPLATTER-PARTYS ENGAGIEREN. ZU DUMPINGPREISEN WERDEN HOLOGRAFISCHE MASCHINEN-SOUND-FETEN GEBOTEN, BEI DENEN SICH ZUSCHAUER & DARSTELLER BIS ZUR ERSCHÖPFUNG BEI HYPER-KOMMUNIKATIONSAKTIONEN VERAUSGABEN. ÜBER IHREN KÖPFEN ERSCHEINT HOLOGRAFISCH DAS FRAKTALE ENDE DER 90ER JAHRE. ANSCHLIESSEND, AUF DEM WEG ZURÜCK IN IHRE GESELLSCHAFTLICHEN ROLLEN, VERLAUFEN SIE SICH IM UNÜBERSEHBAREN HINTERLAND VON URBANIA & WERDEN NIE WIEDER GEFUNDEN.
Die BULLEN überraschen Marloff beim Hantieren mit rezeptpflichtigen Stimulanzien, verschiedenen Mischungen aus Pheromon & Benzedrin, die er gerade noch rechtzeitig über die Dachrinne abschiessen kann. Er merkt sofort, dass bei diesen Robocops jedes Argumentieren sinnlos ist. Mit Schneidbrennern & Motorsägen bewaffnet stellen sie seine Bude auf den Kopf. "Auf den Müll damit...wollte eh gerade ausziehen." In einem unbeachteten Augenblick erwischt er die Video-Rückspultaste & die Szene spielt sich in umgekehrter Reihenfolge ab, Bruchstücke fügen sich wieder zu ihren ursprünglichen Sequenzen zusammen. Dann reisst das Band, & der unbeteiligte Zuschauer wird unwirsch zurück in den semantischen Raum geworfen...
Wenn es darum geht, den Realitätsfanatikern eins auszuwischen, ist die Maschine unübertroffen.

"Ich beginne Seiten zu falten. Monatelang habe ich mich mit dem Wortfilm herumgeschlagen. Er hat mich in entlegene Gegenden gebracht, in TÄLER DER ANDEN, wo Azteken mit felsigen Gesichtern die Eindringlinge betrachten. Langsam schiebt sich der tren die Steinmassen entlang. Ich habe Coca gekaut & mich der Höhenkrankheit überlassen, die sich durch Schwindel & Übelkeit ankündigt. Auch Sauerstoff kann halluzinogene Wirkung haben. Immer dürrer & niedriger die Hecken, die aus verblühtem Gras hervorragen."
Marloff schluckt Traumpillen, um der Trostlosigkeit der kontinentalen Verwerfungen zu entkommen. Was kein Ausweg sein kann, aber in dieser Beziehung ist er eine alte Tante, die Aspirin oder Kaffeesatz braucht, um weiterzumachen.
Nervöse Leere in meinem Gehirn, als ich mit dem Taxi in die Stadt fahre. Wieder mal ein trübes Zimmer, durch das Verkehrslärm brandet. Strassenkinder & Zeitungskioske, & auf Schritt & Tritt der lauernde, besoffene Blick eines Uniformierten mit roten Socken, der an einer Zigarre kaut. Ich bin überzeugt, dass seine Trunkenheit eine Tarnung ist. Einem Säufer lässt man allerhand durchgehen, & den Rest erledigt die Autorität, die eine Uniform hergibt. Das Halfter, in dem seine Knarre steckt, sitzt so locker, dass es ihm um die Kniekehlen schlackert. "Spielzeug", sagt er jedem, der es hören will. "Hab ich mir bei meiner letzten Razzia zugelegt." In Wirklichkeit hat er sie einem Pistolero abgenommen, der sich in den Armen einer Nutte derart verausgabte, dass er seine Seele aushauchte.
Der Uniformierte ist darauf aus, sich mit mir anzulegen. Wenn ich ein Bier bestelle, ist er in meiner Nähe. Wenn ich mich nach der Strasse ins Tiefland erkundige, verfolgt er mit halboffenem Mund, was gesprochen wird & stochert dabei mit der Zunge in den Zahnlücken herum. Er schmiert die Nutten bei Rosita, um etwas über ihre Kunden in Erfahrung zu bringen. Wer ihm bei seinen Geschäften in die Quere kommt, wird kurzerhand festgenommen. Er ist bestens informiert & kassiert ab, wenn er von einem Deal Wind bekommt. Von den Einheimischen wird er El Pringoso genannt.
Grüner Speichel, der im Sand zu wurmähnlichen Gebilden vertrocknet. Wenn die Dämmerung kommt, werden die Sackratten munter. Blaustichige Gesichter haben sich unter schattige Arkaden verzogen. Der Kontinent stürzt in ein schwarzes Loch.
Der Uniformierte zückt schleimige Lippen & lächelt in die Knarre, die Marloff auf ihn richtet. "Chinga tu madre." Glut seiner feuchten Zigarre fällt aufs Linol.
Drüben, auf der dunklen Seite der Plaza, ein paar Mülltonnen. Halbnackte Jungen drücken sich gegen sie, als wären sie als Wichsvorlagen. Das vergilbte Postkartenpanorama der Hafenstadt wird vom monotonen Geplärr der Transitorradios überzogen.
Eine auffallend blasse Frau. Der aufgerissene Mund eines Matrosen vor einem blutroten Plakat, als sie ihre Beine um ihn schlingt. "Lass das." Im bläulich flackernden Fernsehlicht kommt er stolpernd den Durchgang zur Bar entlang, wo sich die Putas auf Korbstühlen an der Wand gegenüber der Theke aufgepflanzt haben.
Nachts wenn Tristeza den blauen Matrosen unter metallisch geknickten Sternbildern befummelt...
Im Zimmer über mir Tristeza mit einem Haarnetz um die Locken neben dem Matrosen. Er bläst Rauch über ihren Schambüschel. Eine Mischung aus Tequila, Kotze & Fussschweiss hängt in der Bude. Es ist noch immer bullig heiss, & selbst die Kakerlaken verkneifen sich Annäherungsversuche. (Geräusch undurchdringlicher Stille, die jeden Schwanz zu einem schlaffen Segel macht.)

Ölverschmierter Maschinist mit offenem Hemd auf der Treppe. Achtlos hingeworfene Rosen. Rosa gefärbte Schamlocken. Spendierfreudiger Freier mit polierten Nägeln lässt speckige Geldscheine zurück. Besoffener Bürger mit roten Sockenhaltern steigt über einen blassblauen Slip.

Damals auf PAROS, als noch was los war. Tristeza & ich in einem Hotelzimmer. Lärm vom Kolonaki-Platz reisst uns aus dem Halbschlaf. Flecken mit grauen Rändern auf der Matratze. Wanzen & Antiseptika. Ventilator kreist im Raum, die Rolläden geschlossen. Schmerzen, die sich bis in die Nerven fortsetzen & Erschütterungen der Erdkruste in den Gliedern, unausgeschlafen...


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