Der Uniformierte mit den roten Socken verwandelt sich in einen Werbefachmann & verlangt die Speisekarte. Der Matrose hat sich von der Hamas anheuern lassen & schleudert einen Molli auf einen vorbeifahrenden Bus. Die Szene verwandelt sich in einen Porno-Komikstrip. Die Darsteller (Jünglinge mit Körpermassen, die sie griechischen Statuen abgeschaut haben) reissen sich die Hosen herunter & fangen mit der Geschwindigkeit von Geldzählern zu wichsen an. Ein unsicht bares Publikum feuert sie an. Erster Preis für jenen, der den kräftigsten Strahl hat.
Der Matrose ist baff, springt auf & tastet seine Taschen nach Geldscheinen ab, die ihm die Nutte der letzten Nacht längst abgenommen hat. Mit der Geschwindigkeit von Mäusen, die Zuflucht in seiner Hose suchen, verschwinden seine Finger in Falten & Taschen. Er flucht als er nicht fündig wird, furzt & rennt auf die Strasse, wo er vom Sonnenlicht beinah umgeworfen wird. Benebelt von der Detonation heben weibliche Passanten Röcke, spreizen die Beine als wollten sie pissen, lassen ihre Röcke wieder sinken & wälzen sich auf dem Boden. (Die Wucht der Explosion hat sie vom Bus auf die Fahrbahn geschmissen.) Einige rennen verwirrt in Kneipen, verkriechen sich in die Klos & kommen erst dort wieder zur Besinnung. Schwitzende Wände mit Colaspritzern überzogen.
Draussen ist der Matrose in der Menge untergetaucht. Seelenruhig verschwindet er in den Gassen der Altstadt, Plaka genannt.

Tristeza mit Latexhose & schwarzer Weste auf einem Hocker. Schwarzes Haar auf den Schultern. Mastenähnliche Pfähle zerlegen das Sonnenlicht. Wie durch einen Rost fällt es auf ihr Gesicht.
Aus dem hinteren Teil des Zimmers, der im Dunkeln liegt, ist das Knarzen von Sprungfedern zu hören.
"Wir sehnse uns mal an."
Tristezas wuchtiger Körper ist von einer bläulichen Schweissschicht überzogen, bäumt sich im Rhythmus ihrer Atemzüge auf & fällt dann wieder in sich zusammen.
"Wer zuerst?"
Der Matrose betrachtet sich grinsend den schwitzenden Torso. Es ist windstill. Im Norden über Hügeln ist die seidenmatte Scheibe des Mondes zu erkennen.
Heiseres Stöhnen auf Korbstühlen ... kurzes lautes Lachen... Fliegen schwirren in der Dunkelheit über staubigen Strassen. Ranziger Geruch von Schleim & Vaseline vom Summen der Metallwände durchdrungen.
"Oh", schreit sie. Dumpfes Klatschen geölter Ärsche, die gegeneinander schlagen, aus dem Zimmer nebenan. Der Hall von Paukenschlägen fällt von den Wänden zurück & hinüber zu den aufsteigenden Hügeln.
"Das nicht, nur das nicht", als es vorbei ist.
Marloff drückt mir einen kleinen dunklen Kasten in der Hand, der nach einem Grillenkäfig aussieht. Schluchzend lässt sich Tristeza auf das Kopfkissen fallen & zieht ihren Slip über die Hinterbacken. Weisse Flecken auf schwarzem, durchsichtigen Stoff. Ein eisiger Wind reisst mir das Glas aus der Hand. Draussen, auf dem Patio neben dem Durchgang zur Bar, läuft immer noch der Fernseher.

Wir sind dabei, die Küste zwischen Cambrils & Peniscola abzuklappern. Jetzt, ausserhalb der Saison, sind die Ferienorte gespenstisch tot. Weissbrot, Vino, gekochte Eier & fette Wurst! Seit ihr das Geld ausgegangen ist, treibt Tristeza ziellos zwischen den billigen Requisiten, Abfall des sommerlichen Betriebs. Mal ist sie auf Marloff, mal auf mich angewiesen. Wir verzetteln uns in kleinen Kriegen. Die Dreisamkeit ist etwas, das aus freien Geistern Nachtgespenster macht.
Wir mieten ein altes Hausboot, & das Meer färbt sich schwarz. Genau genommen war es schon immer schwarz, wir haben nur nicht lang genug hingeschaut. Jetzt kann es seine Färbung in unsere Seelen entladen. Warum frisst du auch diesen Dreck, sage ich.
Das ist alles, was wir haben.
Wir wollen uns trennen. Wir haben genug von Kneipen, die das halbe Jahr geschlossen sind. 3 Wochen später hat es Tristeza bei einem Wirbelsturm in Siestre Levante erwischt. Marloff behauptet, sie hätte sich absichtlich in die Wellen gestürzt. Zwischen den Zeilen kann ich dem Zeitungsbericht entnehmen, dass sie mit einem Unbekannten sehr glücklich gewesen ist. Sie hat den Sturm genutzt, so scheint es, endgültig ihre Vergangenheit hinter sich zu bringen. Ein neues Leben zu beginnen.

Seitdem nehme ich die Sonnenbrille nicht mehr ab. Sicher, ich habe mir über unser Verhältnis nichts vorgemacht. Das hat sie auch nie verlangt, im Gegenteil. Es war immer klar, dass eine Frau wie sie nicht umsonst zu haben war. Sobald Geld im Spiel ist, finden Gefühle einen anderen Zusammenhang. Um Geld ging es nicht...davon würde sie sich niemals abhängig machen. Den Zustand des Tauschhandels wollten wir hinter uns lassen. Dafür gibt es Mittel, die weit weniger abhängig als Moneten machen. Zuschauer sein & als Darsteller handeln, vielleicht war es das...

Genug der Playbackgedanken. Tristeza hat ihren Schnitt gemacht, & ich habe mich wieder der Strasse zugewandt, den Tälern, die nachts den Kontinent zu einem Labyrinth von Verlockungen machen. Wo aufwachen? Sich niemals auf einen bestimmten Standort einlassen & die Landschaft nachts aus einem zugigen Abteil des Midnight-Express vorüberziehen lassen, vor allem, wenn man ein paar Traumpillen intus hat. Aber der Ekel bleibt immer gespenstisch nah...Weissbrot & Oliven, das ist die Trunkenheit, bei der ich vergessen kann.

Playback vom sanften, utopischen Wahn. Nie nüchtern genug, um auf einer Insel zu landen. Wer sehen will, kann die Zeichen des Untergangs überall ausmachen, gleichgültig was Nietzsche oder Spengler sagten.
Der Lebensraum von Nomaden liegt zwischen Inseln. Sie kommen an & verschwinden wieder bevor das Gift der Sesshaftigkeit wirken kann. Ein wenig davon haben wir alle in uns. Ob es einen erwischt, kommt ganz darauf an, wie stark seine Abwehrkräfte sind.
Auf der Kommandantur werden Hascher & Anarchos auf Sackratten untersucht. Sie müssen sich ausziehen & werden mit einer Flitspritze abgesprüht. (Manche behaupten, es sei Maze, & seit der angeblichen Desinfizierung würden sie keinen mehr hochkriegen.) "Ab ins Loch mit ihnen", sagt der Uniformierte. Er hat sich in den Kopf gesetzt, die Insel von Drop-outs zu säubern, die am Strand schlafen & sich mit Betteln oder Strassenmusik durchschlagen. "Wir brauchen Leute, die sich ein Hotelzimmer & eine anständige Mahlzeit leisten können." Früher hat man Schiffbrüchige zum Schuften in die Marmorklippen geschickt. Keine Frage, die Sucht nach Ordnung hat auch die Inseln erfasst.

Unten an einem windgeschützten Platz am Hafen von Nausaa entdecke ich Marloff im Schatten von Arkaden. Die Psychiatrie hat er fahren lassen & verbringt jetzt die Sommermonate regelmässig hier. Wegen der Frauen, wie ich annehme, die tagsüber Sonne tanken & die Nächte bei Rotwein & Hasch durchmachen & den Frust, der sich im Norden aufgestaut hat, endlich vergessen wollen. Nicht immer klappt es. Nacht für Nacht wartet er, eingelullt von Retsina- & Lavendelduft, auf einem Korbstuhl darauf, dass eine von ihnen im Mondlicht der Terrasse seines Hauses am Strand auftaucht, um ihm einen zu blasen.
Das Durcheinander in seiner Bude, das intellektuelle Alibi, das er sich durch philosophische Lektüre verschafft...die magischen Übungen, die er macht, um seinen Körper mit der Natur in Einklang zu bringen, wie er sagt, kurz, der Wahn, dass er der Zivilisation entkommen kann, das macht Marloff zu einem hoffnungslosen Fall.
Sogar Tristeza, die inzwischen als Doppelagentin auftritt, lacht über ihn. Sie kann jedem, der es haben will, ein ganzes Repertoire an Orgasmen vorspielen. Manchmal hilft sie mit etwas Skopolamin nach & glaubt dann selber an das Theater, das sie veranstaltet. Das & Beobachtungsgabe sind Qualitäten, mit denen es eine Doppelagentin weit bringen kann.
Tristeza nickt & lässt ihre Zunge langsam über meine Schenkel gleiten. Bewegung ist ihre stärkste Waffe.

DER KONTINENT VERSINKT. AUF STRATEGISCHE STELLEN VERTEILT, HABEN REPLIKANTINNEN DEN REBELLENKAMPF GEGEN "KÜNSTLICHE GEHIRNE" AUFGENOMMEN. LATAHS, IRRITIERT VON SIGNALEN, DIE SICH IN IHREN UNDURCHDRINGLICHEN SEELEN GEFANGEN HABEN, SIND AUS DEN MULTIKULTURELLEN ARBEITSLAGERN IN DEN VORORTEN ZURÜCKGEKEHRT. PUTZKOLONNEN HABEN DEN PLATZ DER UNTERGEGANGENEN KULTUREN ÜBERNOMMEN.
Abtrünnige der politischen Kaste, spendierfreudige, korrupte Freier & süchtige Moralisten haben aus dem entropischen Gefüge eine Spielwiese für Russisches Roulette gemacht (& du schluckst ihre Junk-Nahrung & ihre chemischen Zutaten & hörst ihre letzten Worte. Hilflos, eingelullt vom Vergangenheitswahn).
Europa, ein Ghetto gedanklicher SuperGAUs.
Wanzen & Kakerlaken liefern sich einen erbarmungslosen Verteilungskampf. Sicherheitsexperten sind so weit gegangen, einen Apparat zu entwickeln, der subversive Träume auch während des Schlafs verhindern soll. Bei der kleinsten emotionalen Reaktion schlägt er Alarm. Spiralnebel falscher erotischer Erregung ziehen durch den Raum & ersticken jede Form von Leben, die in ihr Kraftfeld gerät. Die rote Socke, die ich vergebens gesucht habe, ist plötzlich wieder da, hat aber die Form einer Banane angenommen.
Schon mal gelebt?
Flashback von parasensueller Wahrnehmung? Während ich die Speisekarte verlange, dreht Tristeza nach einer Überdosis Skopolamin durch (alles, nur das nicht) & überschüttet mich mit Schnaps & Tomatensaft, eine Flasche wie die Fackel der Freiheitsstatue in der Hand: Alle Macht den Nymphomanen! Niemand kann sie halten. Im Bahnhofs viertel bekommt sie einen machophobischen Anfall & läuft Amok, stürzt sich auf Passanten & versucht sie mit blossen Zähnen zu entmannen.


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