Freitag, nationaler RAVEtag. Der blaue Matrose ist dabei, sich an den Intimschmuck einer intergalaktischen Punkerin heranzumachen. Er zerrt an ihrem Lederkostüm & fesselt sie mit chinesischen Kordeln. Brillen, wie sie Teilnehmer von virtuellen Shows tragen, gehen klirrend zu Bruch. Im Spermageruch von Nebelbomben zerfetzt ein verirrter Laserstrahl einen künstlichen Mond. Splitter prasseln zu Boden.
Auf seidenbezogenen Pritschen posieren Stratosphären-Girls in asiatischen Hinterzimmern, um vor zahlendem Publikum die höchst akrobatische Kunst der oralen Selbstbefriedigung zu zelebrieren.
In Klos & Kneipen des Viertels werden Rauschgifthunde in psychologischen Taktiken trainiert. Der Matrose irrt durch ein Gewirr von inflationären Angeboten & verschwindet im COCA & COLA-HINTERLAND.
Die Bullen schnappen ihn trotz Tarnkleidung & Langhaarperücke ... durch geodätische Kuppeln sickert stimulativ gefiltertes Sonnenlicht ... mit Einwegspritzen bewaffnete Maskierte bahnen sich metzelnd einen Weg durchs Getümmel von Einkaufstrassen. "Wir sehnse uns mal an." Tristezas wuchtiger Körper setzt sich rückwärts in Gang. Gerade als ich zahlen will, sehe ich sie im Eingang des Lokals auftauchen. Der Film springt aus der Spule & landet mit wabernden Kreiselbewegungen vor meinen Füssen. Das Zelluloid ist von einer klebrigen Schweisschicht überzogen. Der Projektor ist heissgelaufen & zu einem Klumpen ausgemergelter Teile zusammengeschrumpft.
"Was sonst noch hinter den Hügeln?"
Schwaden von Staub & Fliegen treiben durch die Strassen. Im säuerlichen Geruch von Schweiss & Urin summen Mauern in der Mittagshitze. Ein langgezogener 7-Hertz-Ton ertönt aus Aztekenkehlen & lässt den Mörtel der Lehmhütten rieseln.
Marloff schluckt Traumpillen, & hinter der nächsten Biegung der Strasse beginnt die Wüste. Leere der Landschaft besetzt mein Gehirn, darüber spannt sich der Himmel. Er hat die Struktur eines feinmaschigen Gerüsts.
Später in einem trüben Loch von Zimmer. Geräusch dröhnender Hinterbacken. Am Boden & auf dem Bett leere Zeitungsseiten.
El Pringoso, der Uniformierte, ist wieder mal besoffen. Im Umdrehen stösst er mit dem Bein den Spucknapf um, seine Zunge fällt schlaff auf das zerschlissene Laken des Betts. Er streckt Arme & Beine von sich & wimmert leise in die Kissen.
Hoffnungslos in die Intrigen seiner Vergangenheit verstrickt, begnügt er sich damit einen Penner festzunehmen. "Nicht so schnell du alter Bock." Kann seine Hirngespinste nicht mehr von dem unterscheiden, was täglich um ihn herum passiert. Überall wittert er Verschwörungen & glaubt, dass ihm die Bedeutung der Vorgänge entgeht, die sich vor seinen Augen abspielen.
Grünlicher Schleim an einem nackten Körper ... für den Rest des Jahres geschlossen ... blaue Inselgesichter ... schleichende Entropie, & der Kontinent sackt in ein schwarzes Tief, aus dem einst die Inseln aufgetaucht sind.

Dicke Luft. Über einen Durchgang betreten Marloff & ich die Stadt & starren ins Lächeln der Mündung einer Knarre. Feuchte Zigarette zwischen den Lippen. Auf der anderen Seite der Plaza ein Schiffbrüchiger, vermummt & in Decken gehüllt. Endgültige Worte aus dem Zusammenhang eines Traumes gerissen. Auffallend blasser Raum. Die Minister der alten Regierung auf Korbstühlen eingenickt. Marloff hat sie während der Unruhen bei einem Hahnenkampf festgenommen. Der Boden der Arena mit rosa Federn übersät.
Den Beobachter der Psychiatrischen Internationale hat es in roten Socken nach Paros verschlagen (dass es sich um gesteuerte Aktionen handelt, was sonst?), wo er Tristeza & mich nachts im Hotel aus dem Bett holt. Antiseptika & Barbiturate. Flecken mit grauen Rändern von Polizei & Armee umstellt.
Die erste Phase ist Nervenkrieg. Bei Männern, die für neuronale Taktiken anfällig sind, zeigen sich Schwierigkeiten beim Erigieren. Moralisten krepieren hinter geschlossenen Rolläden. Unter der Wucht des Ventilators ersticken sie zwischen Kissen & Decken.
El Pringoso, als Werbefachmann uniformiert, entpuppt sich plötzlich als gerissener Drahtzieher der Hamas. Niemand kann sicher sein, wo der Feind zuschlägt. "Nicht so schnell, die alte Hure."
"Mach mich nicht an." Aufgetakelte Blondine lässt in einer Disco von Sidon einen Cocktail hochgehen. Im Umkreis von 5 Metern reisst es den Leuten die Kleider vom Leib. Die Zuschauer glauben, sie seien in eine pornografische Veranstaltung geraten. Frauen kichern & schreien zugleich. Flipper & Glückspielautomaten fangen mit der Geschwindigkeit von Maschinengewehren zu rattern an.
Marloff (der einen Rückfall hat) arbeitet in Unterhosen nach der skrotalen Methode (nach Dr. Rudolf von Urban): Aussenhaut des Skrotums durchlöchern & mit einem Strohhalm aufblasen. Damit kann sich auch der schlaffste Sack einen Megaorgasmus verschaffen. Finger gleiten durch bläulichen Orgongeruch.
"Was machen Sie da?" schreit ein alter Schmecker von Weisskittel.
"Wir versuchen das Ozonloch zu stopfen."

Ein dunkelhäutiges Mädchen erliegt seinen Zuckungen. Flatliner beugen sich über einen südostasiatischen Latah (Flatliner sind Nekromane, die kein Opfer scheuen, sich in den Zustand zwischen Leben & Tod vorzuwagen): "Versuch erst gar nicht, den zurückzubringen. Der will Grenzgänger spielen. Hat sich ins Land der Toten verirrt & kann gleichzeitig hier & dort sein." Flatliner findet sich mit einem flauen Gefühl im Magen & einem Orgasmuskater im Diesseits wieder. "Wie war es, wie war es?" will die Studentin wissen, die als nächste an der Reihe ist.
"Einen Kick wie den würd ich nie verraten."

Jugendliche Banden streifen durchs nächtliche Viertel, verschwinden in einem Labyrinth aus leeren Garagen, Lagerschuppen & Hinterzimmern, die als Schiessbuden eingerichtet sind. Marloff nimmt einen Anlauf, um aus dem Fenster zu springen, während stumme Kugeln durch die Luft wirbeln. Er lässt ein Bündel Scheine, einige Beutel mit Triad-Material & einen kalten Comanchero zurück. "Was jetzt?" Der Matrose ist als erster zur Stelle & wird promt aus dem Kraftfeld des semantischen Planeten gerissen. Er stürzt, rudert mit den Armen & wird im freien Fall von der implodierenden Saugkraft eines schwarzen Lochs erwischt & vom Licht ungeborener Sterne verschlungen.
Verkatert wacht er im orientalischen Viertel auf einem Korbstuhl wieder auf. Er weiss nicht, wo er ist. Wie von einem fahrenden Güterzug aus betrachtet er den Betrieb auf den Strassen. Eine Marktfrau sitzt über einem Korb mit Fröschen & reisst einem nach dem anderen die Hinterbeine aus. Eine Zeitlang kriechen sie noch & bleiben dann irgendwann am Strassenrand liegen.

Morgens noch auf einem Handtuch am Strand, dann zum Flugplatz, jetzt kann ich beim Tiefflug die gebräunten Körper der Bosse erkennen, die sich auf Liegen mit ihren Bräuten vergnügen. Das Meer hat einen rötlichen Schimmer. In diesem Jahr sind die Frauen blassgrün geschminkt. Manche tragen goldene Ringe um die Nippel.
Tristeza holt mich am Flughafen ab & schlüpft schon während der Fahrt aus dem Slip. Noch einmal gleiten wir den verlassenen Küstenstrich entlang. In der Dämmerung zucken letzte Schatten auf, schwarz wie Zahnlücken...

Eine Gruppe von PsychoAnarchos beschliesst, das Quisisana in die Luft zu jagen, schafft es aber nicht. Sie haben den Zünder in einen Vibrator eingebaut, der so viel Krach macht, dass der Sprengsatz vorzeitig entdeckt wird. Um ihn zu entschärfen, holen die Carabinieri eine Expertin vom Festland, die bekannt ist für ihren lockeren Touch.
Wir sind dabei, uns weiter mit Plänen herumzuschlagen. Wer versuchte damals nicht, einen Roman zu schreiben? Das Manuskript wuchs bis es in keinen Koffer mehr passte. Schliesslich hab ich es in einer geräumigen Villa liegen gelassen. Die Wände & Fenster waren mit Gazefetzen verhangen, die sich im Wind blähten. Es war ein Haus, in dem ich nie zur Ruhe kam, in dem Konzentration jeder Art unmöglich war. Kaum, dass ich mich hingesetzt hatte, sprang ich wieder auf. Wenn ich ein Wort geschrieben hatte, strich ichs sofort wieder aus. In diesem Haus passte kein Gedanke zum anderen, kein Wort zu dem, das als nächstes kam.
Verzweiflung kann ich nicht sagen. Desorientierung schon eher & zwar die der dissoziativen Art.

RIESIGE VERANDA MORGENS & DER FERNSEHER. 3 TAGE KÜSTE BIS GIBRALTAR UMGEBEN VON FLIEGENDEN HÄNDLERN IN RUDERBOOTEN. GESCHLAUCHTE TOURISTEN KOTZEN GEKOCHTES EI & WURSTRESTE ÜBER BORD, DAS MEER FÄRBT SICH SCHWARZ. SÄUERLICHER GESTANK BREITET SICH IM DAMPFER LANGSAM BIS HINUNTER IN DIE STAURÄUME AUS.
Als Dekonditionierungsübung tippe ich 20 Seiten eines aussichtslosen Manuskripts rückwärts in die Maschine. Nur so kann ich Tristeza mit einer Nummer á la posteriori überraschen. Sie hat nichts dagegen, schwärmt von Paros & Marokko. Plötzlich dreht sie sich um & fasst mich am Arm. Was ist? Im Nebenzimmer ist Marloff eingezogen. Er scheint zu stöhnen. Anscheinend hat er sich den Sack aufgeblasen & ejakuliert in hohem Bogen über das nächtliche Panorama einer westlichen Metropole...
Alles, was bei dem Experiment des Rückwärtsschreibens herauskommt, ist, dass Marloff, der ein Jahr lang die Staaten bereist hat, wieder in Deutschland landet. Ein Typ wie er schafft es nie, jenseits des Atlantik unterzutauchen. So wird klar, dass das Ende einer Geschichte zugleich & stets auch der Anfang von etwas ist. Von was, das bleibt dem geneigten Leser überlassen.

Deutschland, der Geruch von Antiquitäten. Nicht jeder weiss, wie er damit umgehen soll. Manche wollen eine Wiederholung der Geschichte verhindern, indem sie kurz & klein schlagen, was sie daran erinnert.
Tristeza mit ihren magischen Scanneraugen. (Teile ihrer biologischen Projektion, die mir längst entfallen sind, kommen jetzt aus der Erinnerung auf mich zurück.) Ich kniee hinter ihr, & die Wirkung des Skopolamins verhindert, dass ich mich in ihren schwitzenden Torso verirre. Wer den Teufel reitet, muss einen klaren Kopf behalten. Wir versuchen es mit Seife, Honig, Babyöl & Spucke, aber es klappt nicht.
Draussen zerklüftete Küste. Tristeza liegt jetzt mit dem Kopf auf dem Fensterbrett. Ich nähere mich ihrem Gesicht & befeuchte ihr die Lippen mit den Fingerspitzen. Sie regt sich nicht. Sie gibt zu, dass es schwierig ist, bei herbstlicher Kühle die Wüstennummer zu bringen. Enttäuscht von meinen Bemühungen rauscht sie ab & schickt mir eine Karte aus Siestre Levante: ?No quero santos?

Aus einem unbenannten Ort von Urbania zurück. Schlepper & Innenstadtpatrouillen gleiten in Strassenkreuzern vorbei. Manchmal trifft sie ein Scheinwerfer, & sofort eröffnen sie das Feuer. "Schneller sein als der Gegner", ist ihre Devise. Das Leben endet & das Überleben beginnt.
Immer ist Nacht in der Stadt. Die Dunkelheit macht auch vor künstlicher Beleuchtung nicht halt. Ein barfüssiges Mädchen mit holografischen Augen bietet mir eine Tasse Kaffee an. Die Frau, der ich den Laufpass gegeben habe, beobachtet uns aus der Mansarde des Hauses gegenüber. Ich kann nicht genau erkennen, ob es eine Pfeife oder eine Knarre ist, die sich in den Mund schiebt.
Unten, auf der Strasse, geht ein Robocop mit einem Schneidbrenner auf eine Telefonzelle los...


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